Gelegenheitsdichtung in Danzig

1. Gelegenheitsdichtung in Danzig

Danzig war zur Zeit des Plavius eine blühende Handelsstadt. Die relativ große Freiheit der Bürger, aber auch die Macht der polnischen Könige hatten der Stadt Sicherheit, Wohlstand und Reichtum gebracht. Eine Reihe von Handelsprivilegien und wirtschaftliche Beziehungen bis nach England, Frankreich und Spanien hatten in der Hansestadt ein sehr wohlhabendes und weltoffenes Patriziat entstehen lassen, das einen fruchtbaren Nährboden für die Künste bildete1.

Kupferstich der Stadt Danzig um 1635

Einer besonderen Hochschätzung erfreuten sich in Danzig die Architektur, die bildenden Künste und die Musik. Das mag verwundern, da doch gerade das Patriziat der Hansestadt mehrheitlich dem Kalvinismus nahe stand. Tatsächlich brachte Danzig im 17. Jahrhundert kein eigenständiges deutschsprachiges Theaterwesen heraus, selbst ein Schultheater fehlte.

Die literarische Welt der Danziger war schon früh mehrsprachig. Man sprach Lateinisch, aber auch Niederländisch, Französisch und natürlich Deutsch und Polnisch. Dichtungen in polnischer Sprache sind allerdings selten, was auf die sozialen Schichtungen in der Stadt und Konfessionszugehörigkeiten zurückzuführen ist. Wie auch in anderen Städten konzentrierte sich das literarische Schaffen auf den geistlichen Diskurs und die Kasualdichtung mit Epithalamien, Epitaphen und die Panegyrik. Dagegen fehlt im Danzig des 17. Jahrhunderts die Gattung Roman fast völlig2.

Die Verdichtung unterschiedlichster Konfessionen (Kalvinisten, Reformierte, Lutheraner, Katholiken) auf dem engen Raum der Stadt und die außerordentliche Leidenschaft der Danziger Theologen zu religiösen Disputen führte zu eine Schwemme von theologischen Werken. Predigtliteratur nimmt einen großen Stellenwert ein. Die deutschsprachige geistliche Dichtung brachte in Danzig eine ganze Reihe von Kirchengesangsbüchern heraus.

Weltliche Dichtung konzentrierte sich auf Gelegenheitsdichtung. Doch das Privileg, zu feierlichen Anlässen Kasualdrucke herausgeben zu lassen, genoss nur die Danziger Oberschicht. Einfachen Stadtbürgern musste dies als Tabu gelten. Aus Thorn (Torùn) hat sich ein Erlass von 1621 erhalten, der den Druck und das Verteilen von Gelegenheitsdrucken durch Handwerker und einfache Bürger unter hohe Geldstrafen stellt3. Es ist anzunehmen, dass es in der Rechtsstadt Danzig ähnliche Regelungen gab. Das erklärt auch, warum sich alle Danziger Einzeldrucke dieser Zeit einer der Familien der Danziger Stadtaristokratie oder dem Klerus zuordnen lassen4.

Als Plavius Ende 1624 sein erstes Epithalamium schrieb, konnte die Stadt schon auf eine längere Ruhmesgeschichte der Kasualdichtung zurückblicken. Man muss nicht auf den mysteriösen Ernst Schwabe von der Heyde zurückgreifen, um schon weit vor 1620 begabte deutschsprachige Poeten in Danzig zu finden. Mit Peter Witzke und Bartholomäus Rothmann leuchteten schon früh Sterne am Danziger Literaturhimmel auf, wie aus ihren zahlreichen Kasualdrucken hervorgeht5.

Ein Boom literarischen Schaffens setzte in Danzig erst Mitte der 30er Jahre ein, also zu einer Zeit, in der Plavius schon wieder verschwunden war. Viele poetische Talente migrierten zu dieser Zeit in die Stadt, unter anderem Andreas Gryphius, Christian Hofmann von Hofmannswaldau, Georg Grefflinger, Andreas Tscherning, Georg Neumark, Andreas und Adam Bythner, Daniel Aschenborn und Johann Maukisch6. Ursache dafür war der äussere Frieden (ab 1629), den die Stadt dank der Protektion durch den polnischen König7 genoss. Zur Häufung der Talente trug sicherlich auch die Anwesenheit von Martin Opitz bei. Er vermochte es, Dichter aus ganz Deutschland an sich zu ziehen. Neben Opitz mögen aber auch zwei andere Gelehrte zum Literaturboom beigetragen haben:

Johannes Mochinger - zeitgenössischer KupferstichJohannes Mochinger (1603-1652) war ein Gelehrter von tiefem Scharfsinn und bemerkenswerter Eloquenz, die im Ostseeraum ihresgleichen suchte. Man nannte ihn deshalb auch den "Plato borussiacus"8. Selbst Opitz konnte mit Mochinger in mancherlei Hinsicht nicht mithalten. Sein Wirkungsfeld lag jedoch hauptsächlich in der Lateinischen Sprache9. Mochinger war Prediger der St. Katharinenkirche, später Professor für Rhetorik am Danziger akademischen Gymnasium und offizieller Redner der Danziger Gelehrtenakademie.

Peter Crüger (1580-1639), Astronom und Professor für Poetik und Mathematik am Danziger Akademikum ging in seiner Wirksamkeit noch über Mochinger hinaus. Er wirkte auf Gryphius, Hofmannswaldau und selbst der Astronom Johannes Hevelius erwähnt ihn noch dankbar in seiner Machina coelestis. Peter Crüger war neben Johann Georg Moeresius für die Jahre 1624-1628 wohl auch der wichtigste Bezugspunkt des Plavius, denn Mochinger gelangte erst am 16. November 1628 von seiner großen Europareise nach Danzig zurück10. Zu dieser Zeit hatte Plavius einen Großteil seiner Kasualdichtung bereits verfasst. Eine Beziehung zwischen Plavius und Crüger legt sich durch das Widmungsgedicht nahe, das Crüger der lateinischen Poetik, der Institutio Poetica, des Plavius beigefügt hat.

Dank Raschke und Kindermann wissen wir über die Poeten Danzigs ab 1630 relativ gut Bescheid. Über die Dichter vor 1630 haben wir dagegen nur magere Zeugnisse. Ausser Johannes Plavius werden in dieser Zeit nur noch der bereits genannte Johann Georg Moeresius fassbar. Die meisten der späteren Poeten hielten sich damals noch nicht in Danzig auf oder waren noch zu jung, um literarisch tätig zu werden. Das Fehlen bekannter Dichterpersönlichkeiten wirkt sich fatal auf die Plausibilität eines Poetenkreises um Plavius aus, wie Kindermann ihn postuliert.

Nun ist es aber nicht so, dass Danzig etwa in den 20er Jahren des 17. Jh. keine Kasualdichter gehabt hätte. Das Problem liegt darin, dass die Literaturwissenschaft es versäumte, sich beizeiten um diese zu kümmern. Nationalistische Verfärbungen in den entsprechenden Werken und territoriale Umbrüche haben dazu beigetragen, der deutschen Literaturwissenschaft die Lust an der Danziger Literatur auf Jahrzehnte zu verderben. Wo man sich dennoch damit beschäftigte, kam man mangels neuer Quellen nicht über das bereits Gesagte hinaus. Das Bild, das wir heute von Danzigs Literaturwelt haben, ist keineswegs vollständig und alles andere als auf dem Stand der Zeit. Immerhin ruhen in der Danziger Bibliothek über 5000 Kasualdrucke, die zum größten Teil noch nicht rezipiert wurden. Eine Untersuchung unter literarisch neutralen Gesichtspunkten könnte noch viele neue Einsichten an den Tag bringen, auch gerade in Bezug zu Plavius.

Welcher Stellenwert in der Danziger Dichtungswelt kommt Plavius angesichts der jetzigen Quellenlage zu? Das Urteil muss unterschiedlich ausfallen. Von Gestaltung und Aufmachung her fällt das Werk des Plavius recht kärglich aus: Es fehlen jegliche Illustrationen, Druck und Layout sind sehr bescheiden. Hier kann er anderen Danzigern wie Witzke, Rothmann oder Jacobus Zetzkius nicht das Wasser reichen. Wesentlich einfallsreicher sind schon Motive und Metaphorik, wobei allerdings zu untersuchen sein wird, inwiefern man sie als originell oder ausgeklügelt auffassen kann.

Unbestritten ist dagegen der Ruhm des Plavius auf dem sprachlich-metrischen Sektor. Insbesondere in der Epithalamiendichtung kommt kein anderer Danziger Dichter an seine sprachspielerischen Fertigkeiten heran. Seine Musikalität und Rhythmik sind denen eines Opitz weit überlegen. Doch wie es scheint, hat sich die literarische Richtung des Plavius in Danzig nicht erhalten. Die Mehrheit der Danziger orientierte sich am klassischen Stil von Opitz und seines geistigen Erbens Peter Titz (1619-1689). Literarische Einflüsse >>


1Die Orientierung auf Handel und Reisen läßt sich gerade auch im Werk von Plavius nachvollziehen: Sei es im belibten Schiffsmotiv, aber auch im traurigen Hintergrund einiger Epitaphe, der Zeit, dass Reisen auch nicht ungefährlich waren.

2Eine bedeutende Ausnahme bildet Michael Albinus"; Roman Geheimer Nachricht Sionitischer Walfart. Andere Danziger Romane, sofern sie existiert haben, erlangten keine Aufmerksamkeit.

3Vgl. Rypson, S. 293.

4Das bedeutet nicht, dass nicht auch zu Handwerker-Feierlichkeiten Gedichte erstellt und verlesen worden wären. So gibt auch Plavius ein Epithalamium "auff eines goldschmieden hochzeit" wieder. Diese Gelegenheitsgedichte wurden aber wohl nicht vervielfältigt und gingen daher der Nachwelt verloren, falls sie nicht, wie bei Plavius, in einen Gedichtband hinübergerettet wurden.

5Die frühe Danziger Kasualdichtung wurde bislang nur selten einem größeren Fachpublikum offengelegt. Einige Beispiele von Witzkes kunstvollen Kasualdrucken finden sich immerhin in Rypsons Aufsatz.

6Eine umfassendere, aber bei weitem nicht vollständige Aufzählung findet sich bei Rankl, S. 136f.

7Ab 1632 war dies Wladislaw IV. (1595-1648) - unter ihm diente auch Martin Opitz als "polnischer Hofhistoriograph".

8Vgl. Stekelenburg, S. 66.

9Dort dichtete er unter dem Pseudonym "N. Reginchomus", Vgl. ebd., S. 294.

10Bemerkenswert ist, dass Plavius nach der Ankunft Mochingers in Sachen deutscher Dichtung produktiver war als je zuvor.